Auf der Spur des Adlers: Die Fürther Straße

Veröffentlicht am von und Sebastian Gulden und Stefan Schwach
Die erste Fahrt des Adlers

Die erste Fahrt des Adlers auf der späteren Route der Fürther Straße, 1835. Foto: © Verlag Ernst Nister (cc)

Mit 356 Hausnummern und über vier Kilometern Länge ist die Fürther Straße einer der längsten Verkehrswege Nürnbergs. Und sie ist ein Ort, an dem europäische Verkehrsgeschichte geschrieben wurde.

Der Grünstreifen, der die Fürther Straße teilt, erinnert an die erste öffentliche Eisenbahnstrecke auf dem europäischen Festland. 1835 absolvierte die Lokomotive „Adler“ mit Lokführer William Wilson und rund 200 Ehrengästen in den angehängten Waggons ihre Jungfernfahrt zwischen den aufstrebenden Industriestädten Nürnberg und Fürth. Nachdem der Betrieb der Ludwigsbahn 1922 eingestellt worden war, folgte noch die Straßenbahn ihrem Streckenverlauf, bis auch sie ab 1980 durch die U-Bahn abgelöst wurde. Die beiden Endbahnhöfe fielen 1938 und 1953 der Abrissbirne zum Opfer.

Das neubarocke Eisenbahndenkmal von Heinrich Schwabe und Christoph Lenz hat man 1993 vom Plärrer an die Fürther Straße auf Höhe der Glockendonstraße versetzt. Der Standort liegt etwas weiter stadtauswärts von jener Stelle, die ein unbekannter Fotograf um 1910 und wir 2016 eingenommen haben.

Die Fürther Straße an der Kreuzung Will- und Kernstraße, zwischen 1905 und 1910 und 2016

Die Fürther Straße an der Kreuzung Will- und Kernstraße, 1905/1910 und 2016. Fotos: © Verlag Jacob Trobitius (1910/1919) – Sebastian Gulden (2016) (cc)

Ein beträchtlicher Teil der Fürther Straße – etwa vom Plärrer bis zur Maximilianstraße – war um 1900 durch prächtige Mietshäuser geprägt, die an Größe und Prunk in Nürnberg ihresgleichen suchten. Wie im Mittelalter schätzte die feine Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Wohnlagen an den Hauptstraßen, wo man selbst (und das prächtige Heim) von aller Welt gesehen werden konnte. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass Lärm und Abgase sich damals noch in Grenzen hielten. Obwohl Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszerstörung einige Furchen in den Bestand geschlagen haben, ist die edle Promenade noch heute an vielen Stellen zu erleben.

Mit der Großbürgerlichkeit war es indessen nicht weit her: Unmittelbar an die Prachtbauten schlossen in den Nebenstraßen Wohnhäuser einfachen und einfachsten Standards an. Das Eckhaus im Mittelgrund rechts ist typisch für die Wohnhäuser in Gostenhof und an der Bärenschanze: meist zwei- bis dreigeschossig mit ausgebautem Mansarddach, kleinen Wohnungen mit Etagen-Klosett und ohne Bad. Nur das Fassadendekor im Stil der Neorenaissance oder des Klassizismus durfte aller Bescheidenheit im Inneren zum Trotz nicht fehlen.

Was uns das Bild noch erzählt

Jeder kennt die grellbunten Ansichtskarten, die die Souvenirläden in aller Herren Länder feilbieten. Meist sind darauf sattsam bekannte Sehenswürdigkeiten zu sehen. Um 1900 gab es viele Einzelhändler, die im Eigenverlag Ansichtskarten ihrer Nachbarschaft anboten, auch wenn sich selten ein Tourist dorthin verirrte. Käufer der Bilder waren ohnehin meist Anwohner, die die Ansichten ihrer Nachbarschaft an Freunde und Verwandte verschickten. Verleger war in unserem Falle Jacob Trobitius, der in der Kernstraße 13 einen Schreibwarenladen betrieb.

Übrigens verdanken wir Herrn Trobitius – neben der schönen Ansichtskarte – eine der größten Errungenschaften des Scherzartikel-Universums: Er ließ sich 1898 einen Kunstblumenstrauß mit eingebautem Wasserspritzball patentieren.

Andere Vorher-Nachher-Bildfolgen von Stadtbild im Wandel

Olle Schule, dolle Schule: Die beiden Schulhäuser an der Sielstraße

Steinerner Zeuge des alten Erlenstegen: Der „Goldene Stern“

Verputzt und zugenäht: Ein Mietshaus in der Adamstraße

Blog abonnieren
'Nürnberg und so' Blogfeed abonnieren

Zusätzlich zu dem Podcast stellt 'Nürnberg und so' auch immer wieder begleitende Geschichten und Informationen aus der Metropolregion Nürnberg vor.

Blog-Artikel als RSS Feed abonnieren

Du willst nichts verpassen?
Anmeldung E-Mail Newsletter 'Nürnberg und so'

Anmeldung zum E-Mail Newsletter

Sätze für die Ewigkeit
Podcast Nürnberg und so
Ich hatte eine Verletzung, die vorher noch niemand in Ansbach hatte.
Michael Jakob in Sendung No. 27
Weltmeisterschaft im Messerschärfen ist ein Zusammentreffen von Freaks.
Thomas Holz in Sendung No. 14
Man muss die Möglichkeit haben Grenzen auszutesten.
Jörg Korinek in Sendung No. 32
Letzte Podcast Sendungen
Nürnberg und so

Jörg Korinek / Podcast-Sendung No. 32

Veröffentlicht am 05.05.2015

Den geborenen Göppinger lockte ein Praktikum in die Frankenmetropole. Dem Weg zum Informatik-Studium gingen einige bundesweite Schulaufenthalte voraus, bei denen er Orientierung gewann und diverse…

zur Sendung No. 32

Roland Rosenbauer / Podcast-Sendung No. 31

Veröffentlicht am 11.02.2015

Aus Cadolzburg kommend, finanzierte er sich mit dem "Ruf der Unendlichkeit" oder der "Rache des Knochenmannes" seine Schulzeit. Trotz BWL Studium landete er schließlich beim Jugendfunk des…

zur Sendung No. 31

Aktuelle Magazin-Artikel
Nürnberg und so

Olle Schule, dolle Schule: Die beiden Schulhäuser an der Sielstraße

Veröffentlicht am 13.11.2017

In der Baukunst geht der Wandel oft rasch vonstatten, etwa im Schulhausbau um 1900. An die Stelle monotoner Kästen traten damals malerische Baugruppen. In der Sielstraße an der Nürnberger…

weiterlesen

Steinerner Zeuge des alten Erlenstegen: Der „Goldene Stern“

Veröffentlicht am 30.10.2017

Für die meisten ist Erlenstegen das Nürnberger Nobelviertel schlechthin. Doch die Geschichte des Stadtteils reicht viel weiter zurück. Der „Goldene Stern“ im alten Ortskern ist ein kostbares…

weiterlesen

Verputzt und zugenäht: Ein Mietshaus in der Adamstraße

Veröffentlicht am 15.10.2017

Bis in die 1920er Jahre waren Putzfassaden in Nürnberg selten. Sandstein und Sichtziegel prägten das Stadtbild. An vielen Häusern verdeckte man die offenliegenden Baumaterialien später mit…

weiterlesen

Glanz und Gloria: Großbürgerliches Wohnen am Luitpoldhain

Veröffentlicht am 02.10.2017

Die Zeit um 1900 war die Epoche der Villen. Automobil und Nahverkehr ermöglichten das Wohnen draußen im Grünen, ohne auf die Vorzüge der Großstadt verzichten zu müssen. Beispiele der…

weiterlesen