Stolze Südstadt: Unterwegs auf der Wölckernstraße

Veröffentlicht am von und Sebastian Gulden
Wölckernstraße

Fast schon beängstigende Ruhe auf der Wölckernstraße im Jahr 1908 – nur die Trambahn gleitet dahin. Foto: © Heinrich Nüßlein, Nürnberg (cc)

Die Südstadt war Nürnbergs Boom-Viertel der Gründerzeit. In der Nähe zu Bahnlinie und Betrieben entstand hier im 19. Jahrhundert das Nürnberg des Industriezeitalters.

Wesentlich früher als die Gegend nördlich der Altstadt erlebte der Nürnberger Süden nach der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Mehrere Großindustriebetriebe wie Schuckert & Co. (ab 1903 Siemens-Schuckert) oder Cramer-Klett ließen sich in der zumeist ebenen Landschaft südlich des Hauptbahnhofes nieder. Um sie herum wuchsen Wohn- und Geschäftsviertel, die die alten Dorfkerne von Galgenhof, Hummelstein, Lichtenhof, Steinbühl, Glockenhof, Gibitzenhof, Bleiweiß und Tafelhof alsbald umschlossen. Zug um Zug verschwanden Äcker und kleine Gehöfte zugunsten von Mietshäusern, Fabriken und Straßen.

Breite Promenaden durchzogen die neuen Quartiere. Eine der bedeutendsten Straßen ist die Wölckernstraße in Galgenhof, die zusammen mit Schweigger-, Harsdörffer- und Landgrabenstraße die wichtigste Ost-West-Verkehrsachse der Südstadt bildet. Sie wurde 1889 von der Landgrabenstraße abgetrennt und trägt seither den Namen des Nürnberger Juristen und Historikers Lazarus Carl von Wölckern (1695–1761).

Die Wölckernstraße, von der Kreuzung Pillenreuther Straße gegen Osten gesehen, aufgenommen 1908 und 2017.

Die Wölckernstraße, von der Kreuzung Pillenreuther Straße gegen Osten gesehen, 1908 und 2017. Fotos: © Heinrich Nüßlein (1908) – Boris Leuthold (2017) (cc)

Ausdruck für den Stolz, den die Südstädter für ihr modernes Viertel empfanden, ist unsere historische Ansichtskarte. Ihr Fotograf wusste die Wölckernstraße in Szene zu setzen, indem er sich jenseits der Kreuzung Pillenreuther Straße platzierte. Die Fronten der mächtigen Mietshäuser zu beiden Seiten scheinen im Unendlichen zu fluchten. Geradezu winzig wirkt da der Wagen der blauen Straßenbahnlinie, die sich gerade auf dem Weg zur Haltestelle Aufseßplatz befindet.

Ein anderer Blick in die Wölckernstraße, ebenfalls von der Kreuzung Pillenreuther Straße gegen Osten, aufgenommen zwischen 1905 und 1911.

Ein anderer Blick in die Wölckernstraße, ebenfalls von der Kreuzung Pillenreuther Straße gegen Osten, 1905/1911. Foto: © Verlag Dr. Trenkler & Co., Leipzig (cc)

Vieles von dem, was man auf dem alten Foto sieht, hat die Zeiten überdauert – in der vom Krieg arg geschundenen Südstadt leider eine Ausnahme. Die beiden Kopfbauten im Nürnberger Stil an der Kreuzung Pillenreuther Straße stehen heute unter Denkmalschutz. Verschwunden sind die Vorgärten, die man schon vor dem Zweiten Weltkrieg für die Verbreiterung von Gehweg und Straße aufgab. Manch Giebel und Dachgaube brannte im Bombenhagel nieder oder fiel der Pragmatik der Nachkriegszeit zum Opfer. Und auch die Ruhe von einst ist Hektik und dichtem Autoverkehr gewichen. Schrille Reklametafeln tun das ihre, um die prächtige Architektur zu verdecken. Dennoch, wer genau hinsieht, der erkennt sie noch, die stolze Südstadt.

Das sah auch Hans Körner so. Er besaß einen kleinen Zigarrenladen im Haus Wölckernstraße 3. Irgendwann zwischen 1905 und 1911 beauftragte er den bekannten Leipziger Verlag Dr. Trenkler & Co. damit, ihn mit Ansichtskarten „seiner“ Straße zu versorgen. Die Perspektive in unserem kleinen historischen Bild ist etwas anders als jene in der Vorher-nachher-Bildfolge, aber auch sie zeigt die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten der Wölckernstraße auf eindrückliche Weise.

Was die historische Karte noch erzählt

Schöpfer der historischen Ansicht aus unserer Vorher-nachher-Bildfolge ist der Künstler Heinrich Nüßlein. 1879 in Nürnberg geboren, arbeitete er lange Jahre beim oben erwähnten Ansichtskartenverlag Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. Trotz seiner extremen Kurzsichtigkeit brachte er sich selbst das Malen bei und beschäftigte sich intensiv mit dem Okkultismus und der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Indem sich Nüßlein bei der Arbeit in Trance versetzte, versuchte er, seine Bilder völlig aus dem Unterbewussten heraus entstehen zu lassen. Die Nazis verhöhnten seine Arbeiten als „entartete Kunst“, beschlagnahmten, verschacherten und zerstörten viele seiner Bilder. Nüßlein und seine Familie überstanden Krieg und Diffamierung. Der Maler starb 1947 im oberbayerischen Ruhpolding.

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