Lieber selbst & ständig: Warum die Besten nicht angestellt arbeiten wollen

Veröffentlicht am von und Markus Wolf
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Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel, verharren aber gleichzeitig in bestehenden Strukturen. Warum junge Fachkräfte lieber den Weg in die Selbstständigkeit wagen. Foto: © markus spiske / flickr (cc)

Es passiert etwas in der Arbeitswelt. Viele Unternehmen beobachten mit Sorge, dass sich die Besten unter den jungen Fachkräften lieber selbstständig machen als eine klassische Karriere zu beginnen. Coworking Spaces boomen und allerorts entstehen Startups in den unterschiedlichsten Branchen.

Tatsächlich bestätigt uns ein Blick in die Statistik, dass sich in Deutschland immer mehr Hochschulabsolventen selbstständig machen. Mikrozensus weiß, dass wir unter ihnen den größten Anstieg an Selbstständigkeit beobachten können. Die Anzahl der Gründer unter ihnen hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt.

Ist die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes nichts mehr wert? JA!

Aber warum ist das so? Ist die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes nichts mehr wert? Spricht man mit jungen Gründern darüber, warum sie sich selbstständig gemacht haben statt erst einmal einige Jahre Erfahrung zu sammeln, bekommt man meist die gleichen Antworten: Neben der Intention ihre Lebenszeit mit sinnvollen Dinge zu verbringen und etwas Dauerhaftes zu schaffen, fühlen sich engagierte junge Fachkräfte in den starren Strukturen vieler etablierter Unternehmen nicht Zuhause. Zu viel Bürokratie, organisatorische Aufgaben und umständliche Entscheidungswege schrecken diejenigen ab, die sich engagieren wollen. Innovatoren haben es schwer, in einem Umfeld in dem jede Entscheidung von etlichen Vorgesetzten bestätigt werden muss. Gerade die talentierten Absolventen gehen lieber das Risiko ein, mit einer eigenen Idee zu scheitern, als ihre Kreativität und ihren Tatendrang zu unterdrücken.

Fachkräftemangel – eine Frage der Persepektive

Pilgrim Monument

Oft nur eine Frage der Perspektive. Foto: © Martina Oefelein / flickr (cc)

Viele Unternehmen stehen dieser Entwicklung hilflos gegenüber. Man beobachtet jedoch auch, dass Unternehmen wie z.B. Google trotz 14 Stunden Arbeitstag und anstrengenden Aufgabengebieten viel erfolgreicher um die gesuchten jungen Fachkräfte werben als angeblich sozialere Unternehmen. Bei Google, Tesla usw. gehen täglich hunderte Bewerbungen von hoch qualifizierten Fachkräften ein. Dadurch verschiebt sich die Recruiting-Arbeit weg von der zunehmend verzweifelten Suche nach geeigneten Mitarbeitern hin zur Selektion der Besten. Traumzustände für die meisten deutschen Unternehmen, vor allem im IT-Bereich.

So mancher versucht diesem Trend zu folgen. Allerdings passiert nur allzuoft der Fehler, Äußerlichkeiten zu kopieren, anstatt den erheblich komplizierteren internen Wandel voran zu treiben. So finden wir in konservativ ausgerichteten Unternehmen Mitarbeiter, die in ein in Stein gemeißeltes Arbeitszeitkorsett quasi einbetoniert sind. Dort ist schon die Anschaffung eines Laptops oder einer Webcam eine Lebensaufgabe. Würden jetzt in diesen Unternehmen plötzlich bunt gestrichene Wände, Karussells und Ruderboote mit integrierten Arbeitsplätzen stehen, wäre das befremdlich und sogar gegenüber den Mitarbeitern abschätzend. Dieses Vorgehen, welches eine verspielte Einrichtung mit einer starren Geisteshaltung verbindet, schafft bei Mitarbeitern und Bewerbern Dissonanzen, die der Zusammenarbeit eher schaden als nützen. Also wieder kein Wohlfühlfaktor für High Potentials.

Innovative Unternehmenskultur
sichert Fachkräfte

Die wesentlichen Bestandteile einer innovativen Unternehmenskultur sind unsichtbar und nicht leicht kopierbar. Es geht um eine Kultur des Vertrauens, die von den Mitarbeitern verlangt Verantwortung zu übernehmen und von Unternehmern Kontrollmechanismen abzubauen. Es ist eine offene Feedback-Kultur, in der ein Azubi den CEO problemlos auf einen Fehler aufmerksam machen kann. Und nicht zuletzt ist es eine Neudefinition der gesamten Arbeitsweise, weg von der maximalen Effizienz der einzelnen Arbeitsschritte hin zu mehr Effektivität im gesamten Unternehmen - oder einfacher ausgedrückt: Es sollte mehr gesunden Menschenverstand und weniger Regeln geben. Für viele etablierte Unternehmen liegt ein solcher Wandel außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Startup Weekend LA

Zu viel Bürokratie und Organisation verschrecken die Experten. Foto: © Philippe Lewicki / flickr (cc)

Vom reinen Befehlsempfänger zum eigenmotivierten Experten

Während Großunternehmen oft über das Kapital und den Weitblick verfügen die besten Startups einfach zu kaufen, um sich regelmäßig “aufzufrischen”, wird es für den traditionelleren Mittelstand kritischer, parallel ausgegliederte Innovationszentren aufzubauen. Ohne kreative Fachkräfte werden sich die jungen Startups verstärkt gegen etablierte Mitbewerber durchsetzen. Strukturen, die engagierte junge Talente abschrecken, lassen nicht nur die Belegschaft überaltern, sondern bergen zudem das Risiko nicht dauerhaft am Markt bestehen zu können. Es ist also an der Zeit über tiefgreifende Veränderungen nachzudenken, dann klappt es auch mit den Fachkräften.

Weitere Informationen zu dem Thema findet ihr auch in dem Buch „HR Innovation“. Eine Initiative zur Entwicklung neuer Lebenswelten in der Organisationskultur.

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