Altfränkische Gemütlichkeit: Die Waldschänke im Tiergarten

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Waldschänke

Altfränkisches Gewand und doch ein Neubau von 1939: Die „Waldschänke“ im Nürnberger Tiergarten. Foto: © Andro-Verlag

Jetzt bricht sie wieder an, die Zeit, in der es Jung und Alt in die Tierparks zieht. Zeit für „Stadtbild im Wandel“, uns zur „Waldschänke“ im Nürnberger Tiergarten zu begeben und ihrer Geschichte nachzuspüren.

Vermutlich ging es ein wenig zu wie in den ersten Szenen von Yann Martels Roman „Schiffbruch mit Tiger“, als die Tiere des Nürnberger Tiergartens 1939 ihre Fahrt in die neue Heimat antraten. Transportiert wurden sie allerdings nicht per Schiff, sondern auf Lastwagen, und die Reise ging nicht nach Kanada, sondern nur nach Mögeldorf. Dort wartete auf Tiere und Bedienstete ein großer neuer Tierpark, eingebettet in eine malerische Hügel- und Waldlandschaft zu Füßen des Schmausenbucks, die Alfred Hensel und Kurt Ahles ab 1937 gestaltet hatten.

Die Begleitumstände waren allerdings alles andere als erfreulich: Der Größenwahn der Nationalsozialisten, die auf dem Areal des alten Tiergartens am Dutzendteich ihre Kongresshalle, die Luitpoldarena und die Große Straße errichten wollten, hatte den Umzug überhaupt erst nötig gemacht.

Die Waldschänke, aufgenommen 1939 und 2016.

Die „Waldschänke“, aufgenommen 1939 und 2016. Fotos: © Andro-Verlag (1939, Sammlung Sebastian Gulden) – Sebastian Gulden (2016, cc)

Von alledem ließen die Bauten des neuen Tiergartens auf den ersten Blick wenig ahnen, während das damalige didaktische Konzept von den Theorien der pseudowissenschaftlichen Rassenlehre und dem Traum der Nationalsozialisten von einem neuen deutschen Kolonialreich deutlich durchdrungen war. Heinz Schmeißner und Kurt Schneckendorf, die die Gebäude im Namen des städtischen Hochbauamtes entworfen hatten, war daran gelegen, sie harmonisch in die Landschaft einzufügen. Neben den Betriebsanlagen und Unterkünften für die Tiere entstand auch wieder eine Besuchergaststätte: die „Waldschänke“, die es schon am Dutzendteich gegeben hatte.

Ihre Architektur mit Sichtfachwerkgiebel, Fensterläden und Aufzugserker, hohem Satteldach, einem Saalbau mit überdachter Terrasse auf Sandsteinpfeilern und rustikaler Einrichtung mit Holzbalkendecken, Dielenböden und Kachelöfen entsprach den Vorstellungen der NS-Architektur von „heimatgebundenem“ Bauen. Wie die meisten Ideen, die das Regime für sich beanspruchte, war auch diese geklaut: Schon die Heimatschutzarchitektur der Zeit um 1910 hatte die Rückkehr zu einer Bauweise gefordert, die sich an die geografischen und klimatischen Bedingungen ihres Standortes anpasste und bevorzugt lokale Baumaterialien nutzte.

Der Biergarten der „Waldschänke“, aufgenommen 1939.

Der Biergarten der „Waldschänke“, aufgenommen 1939. Foto: © Andro-Verlag

Die Architektur der „Waldschänke“ gibt einen Eindruck davon, was die NS-Kulturpropaganda als „echt fränkisch“ und „echt deutsch“ verstanden wissen wollte. Den Planern war außerdem daran gelegen, ein Bauwerk zu schaffen, das der Bedeutung seines Namens entsprach: ein von Bäumen umsäumtes Gasthaus mit Biergarten, das urige Gemütlichkeit inmitten der Waldesruh ausstrahlte. In Anbetracht der Tatsache, dass nur wenige Monate, nachdem der neue Tiergarten eröffnet hatte, der Zweite Weltkrieg ausbrach, kann das nur zynisch wirken.

Viele der tierischen Zoobewohner wurden in den Kriegswirren getötet, verhungerten oder verdursteten, die meisten Gebäude lagen 1945 in Trümmern. Die „Waldschänke“ dagegen blieb von den Auswirkungen des Infernos weitgehend verschont. Kurz nach Kriegsende nahm vorübergehend eine Einheit der US-Armee im Gebäude Quartier, um Plünderer fernzuhalten. Als der Nürnberger Tiergarten in den 1950er Jahren seine Pforten öffnete, lud auch die „Waldschänke“ wieder zu Speis und Trank – und tut dies bis heute.

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