Industrie aus der Vogelschau: Die ehemalige Elektrofabrik an der Bucher Straße

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Bucher Straße 77, 79 und 79a

Die Elektrofabrik Leyhausen & Co. an der Bucher Straße im Jahr 1912. Grafik: © Ferdinand Weeser-Krell (Sammlung Sebastian Gulden, cc)

In der Hochphase der Industrialisierung waren Fabriken Grund zum Stolz und Motive einer eigenen „Industriemalerei“. Ein Pionier dieses Genres verewigte die frühere Elektrofabrik Leyhausen & Co. in Nürnberg-St. Johannis.

Außerhalb von Kennerkreisen haftet Fabriken nicht eben der Ruf an, besonders fotogen zu sein. Das hängt auch damit zusammen, dass unser Blick auf die Segnungen der Industrie in den vergangenen 40 Jahren kritischer geworden ist. Um die vorletzte Jahrhundertwende sah man die Industrialisierung – sie war gerade erst ein paar Jahrzehnte in vollem Gange – noch mit anderen Augen, man könnte auch sagen: durch die rosarote Brille. Industrie bedeutete Fortschritt, und Fortschritt bedeutete Wohlstand. Industrielle ließen selbst abgelegene Fabrikanlagen mit dezentem Bauschmuck versehen und warben nur zu gerne mit den repräsentativen Fassaden ihrer Hallen oder den zum Himmel strebenden, rauchenden Schornsteinen um die Gunst der Kundschaft.

Ein eigener Kunstzweig, die „Industriemalerei“, setzte die Fabrikbauten auf Gemälden, Grafiken, Ansichts- und Visitenkarten in Szene. Der Urheber unseres historischen Kupferstichs der Elektrofabrik Leyhausen in der Bucher Straße 79 und 79a, Ferdinand Weeser-Krell (1883–1957), gehörte um 1900 zu den gefragtesten Vertretern seines Metiers. Weeser-Krells Spezialität waren Ansichten von Fabrikgeländen aus der Vogelperspektive, die die Anlagen noch mächtiger und weiträumiger erscheinen ließ.

Das Karrée zwischen Rieter-, Rilke-, Kressen- und Bucher Straße, 1912 und 2018.

Das Karrée zwischen Rieter-, Rilke-, Kressen- und Bucher Straße, 1912 und 2018. Abbildungen: © Ferdinand Weeser-Krell (1912, Sammlung Sebastian Gulden) — Sebastian Gulden (2018, cc)

Modifikationen der Wirklichkeit

Da es sich im weitesten Sinne um werbliche Kunst handelte, waren kleine, sagen wir: „Modifikationen“ der Wirklichkeit ein gern verwendetes Stilmittel. Bei unserem Motiv etwa nahm sich Weeser-Krell die Freiheit, Nürnbergs Stadtkrone, die Kaiserburg, um ein paar Kilometer nach Westen zu verschieben, so dass sie im Hintergrund der Fabrik aufragen konnte. Die bereits 1888 fertiggestellten Backsteinhäuser Bucher Straße 81 und 83 ersetzte er kurzerhand durch einen beschaulichen Park, denn die hünenhaften spätklassizistischen Gebäude hätten sonst nahezu die gesamte Fabrik verdeckt.

Auftraggeber der Ansicht war der Elektroingenieur Wilhelm Leyhausen (1884–1957), der sie als Visitenkarte an seine Vertreter – in diesem Fall an das Ingenieurbüro Gebrüder Bader in Gostenhof – weitergab. Nach Ausbildung und Anstellungen in verschiedenen Unternehmen der Elektrobranche, unter anderem in Köln und München, war Leyhausen nach Nürnberg übersiedelt, wo er 1912 im Alter von 27 Jahren eine eigene Fabrik gründete. Die Verkaufsschlager seines Unternehmens, das später unter dem Namen Sursum-Elektrizitätsgesellschaft Leyhausen & Co. firmierte, waren Anbauteile für elektrische Hausinstallationen, etwa Schalter und Zählertafeln. Wie der Nürnberger Historiker Gerhard Jochem ermittelt hat, war die Firma im Zweiten Weltkrieg in das Zwangsarbeitssystem der Nationalsozialisten verstrickt: Heute sind die Namen mehrerer, damals allesamt minderjähriger „Ostarbeiter“ bekannt, die von der Wehrmacht aus der besetzten Ukraine nach Nürnberg verschleppt wurden, um in der Elektrofabrik an der Bucher Straße zu schuften.

Stilvoller Rahmen

Ferdinand Weeser-Krell stellte die repräsentative, hakenförmig um einen Verladehof gruppierte Fabrikanlage mit ihren weißen Putzfassaden und aus Sandstein gefügten Gesimsen und Fenstereinfassungen in den Mittelpunkt seiner Grafik. Die rahmenden Wohnhäuser Bucher Straße 77 und 79 am linken Bildrand laufen ihr aber ein wenig den Rang ab. Das liegt nicht zuletzt an ihrer reichen Fassadengestaltung mit Erkern, Reliefschmuck im Jugendstil und Nürnberger Stil und ihren belebten Dachlandschaften mit Giebeln, Gauben und Zwerchhaus mit Welscher Haube.

Die Wohnanlage „Rilkepark“ an der Ecke Kressen- und Rilkestraße, 2012.

Die Wohnanlage „Rilkepark“ an der Ecke Kressen- und Rilkestraße, 2012. Foto: © Boris Leuthold (cc)

Haus Nr. 79 beherbergte neben fremdvermieteten Wohnungen die Verwaltung und Buchhaltung der Firma Leyhausen & Co. Bei der Eröffnung der Elektrofabrik waren die Häuser schon da. Ihr Schöpfer war der Kaufmann und Bauunternehmer Nicolaus Weber, der sie zusammen mit den Mietspalästen an der Rieter- und Rilkestraße um 1904 durch das Architekturbüro Ochsenmayer & Wißmüller entwerfen ließ. Solche Beispiele privater „Quartiersentwicklung“ gab es im Nürnberg der vorletzten Jahrhundertwende häufig, auch deshalb, weil die Baubehörde in puncto städtebauliche Generalplanung lange Zeit nicht recht aus dem Quark kam.

Nach dem Ende der Fabrikation und Zwischennutzungen hat die wachsende Beliebtheit des Viertels St. Johannis den Gebäuden neues Leben eingehaucht. 2010 bis 2012 wurde die Fabrik nach Plänen des Büros A & C Architekten zu Büroräumen und Wohnungen umgebaut. An Rilke- und Kressenstraße entstand eine moderne Wohnanlage, die die Mietshausbebauung der Zeit um 1900 in zeitgenössischen Formen fortschreibt.

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