Verschwundenes Wahrzeichen: Das Schulhaus an der Nunnenbeckstraße

Veröffentlicht am von
Nunnenbeckstraße 40

Majestätisch und malerisch: die Städtische Handelsschule für Mädchen, 1913/1938 von einem Fenster des heutigen Melanchthon-Gymnasiums aus fotografiert. Foto: © Franz Stöger (Sammlung Sebastian Gulden, cc)

Südlich des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums stand bis 1951 ein weiterer Großbau im Geiste des späten Jugendstils: die Städtische Handelsschule für Mädchen. Nur alte Fotografien erinnern heute an dieses Wahrzeichen der Gärten bei Wöhrd.

Wöhrd und seine Gärten waren die ersten Stadtteile Nürnbergs, die die Bomben des Zweiten Weltkrieges zu großen Teilen in Schutt und Asche legten. Viele Menschen wurden von dem Angriff, der kurz vor 1 Uhr am 11. August 1943 begann, im Schlaf überrascht, 585 von ihnen verloren ihr Leben. Bei Tagesanbruch glichen Wöhrd und seine Umgebung einer rauchenden Mondlandschaft.

Viele Bewohnerinnen und Bewohner verloren in dieser Nacht nicht nur Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde, sondern auch ihr Zuhause. Unter den schwer beschädigten Gebäuden war auch die Städtische Handelsschule für Mädchen in der Nunnenbeckstraße 40. Ein weiterer Luftangriff am 31. März 1944 versetzte dem gebeutelten Prachtbau den Todesstoß. Mit der Sprengung der ausgebrannten Ruine ging 1951 eines der Meisterwerke der Jugendstil-Architektur in Nürnberg endgültig zu Grunde.

Die Vorgeschichte des Gebäudes begann um das Jahr 1910: Da stieß die Städtische Handelsschule für Mädchen am Lorenzer Platz, die von den Schülerinnen aus den Stadtvierteln nördlich der Pegnitz besucht wurde, an ihre Kapazitätsgrenze. Ein neues Schulhaus musste her: Es entstand 1912 auf einem freien Grundstück unmittelbar südlich des heutigen Melanchthon-Gymnasiums, das erst drei Jahre zuvor fertiggestellt worden war. Schon 1913 konnten die ersten Klassen das neue Schulhaus beziehen.

Das Schulhaus in der Nunnenbeckstraße 40, aufgenommen zwischen 1913 und 1925 und 2018 von der Kreuzung Merkelsgasse.

Das Schulhaus in der Nunnenbeckstraße 40, aufgenommen 1913/1925 und 2018 von der Kreuzung Merkelsgasse. Fotos: © Richard Hirthe (1913/1925, Sammlung Sebastian Gulden) – Boris Leuthold (2018, cc)

Die Entwürfe fertigte Oberingenieur Georg Kuch (1862-1928), der Nürnberg in den Jahrzehnten seines Wirkens im Hochbauamt um eine Vielzahl stadtbildprägender Schulbauten bereichert hat, darunter jene an der Bismarckstraße (1904), an der Sperberstraße und am Bielingplatz (beide 1914). Konrad Sorg, nachmals vor allem im sozialen Wohnungs- und Siedlungsbau tätig, stand ihm als Assistent zur Seite.

Von außen wie von innen gab sich der Neubau in den malerischen Formen des späten Jugendstils, dessen Baumassen funktional und asymmetrisch gruppiert waren. Scharf abgegrenzte Blend- und Schmuckfelder, vorspringende Fassadenteile und eine vielfach verspringende Dachlandschaft mit einem von Weitem sichtbaren Dachreiter, der den Abzug der Lüftungsanlage und die Schuluhren enthielt, belebten den Außenbau. Mit der neuen Handelsschule hatten die Nürnberger Wirtschaftsschülerinnen eine neue, moderne Schule und die Gärten bei Wöhrd ein neues Wahrzeichen gewonnen.

Ähnlich wie an der Schule am Bielingplatz, deren Bau etwa zeitgleich begann, wurden die Außenmauern aus Ziegeln gefügt und mit Strukturputz versehen. Nur die Sockelzone, Gliederungsteile der Fassaden und Reliefs bestanden aus Nürnberger Sandstein und unterfränkischem Muschelkalk. Der bekannte Nürnberger Bildhauer Philipp Kittler steuerte die Entwürfe für den Bauschmuck bei, den die Meister Josef Winter und Josef Staudinger ausführten. Die fantastischen Gestalten an den Fassaden und den Schulfluren atmeten den Geist des Jugendstils mit seiner Vorliebe für das Märchenhafte, Geheimnisvolle und Bizarre: An der Nunnenbeckstraße stützten zwei geflügelte Markuslöwen den Bogen des Hauptportals, in den Fensterbrüstungen darüber rahmten Putten, Meerwesen und Pferde eine Waage, einen Anker und den von zwei Schlangen umwundenen und mit Flügeln versehenen Stab des griechischen Gottes Hermes als Sinnbilder für den Handel.

Im ganzen Karree der Schule hat nur das Haus Georg-Strobel-Straße 23 links im Bild den Zweiten Weltkrieg überlebt.

Im ganzen Karree der Schule hat nur das Haus Georg-Strobel-Straße 23 (links) den Zweiten Weltkrieg überlebt. Foto: © Boris Leuthold (2015, cc)

Wenn auch das Schulhaus irreparabel war, die Institution der Handelsschule lebte fort – nun unter der Bezeichnung „Wirtschaftsschule“ bzw. „Städtische Berufsschule 12“, die nun sowohl Schülerinnen als auch Schülern offensteht. 1961 bis 1965 entstand eine neue Gebäudegruppe in den klaren Formen der Nachkriegszeit. Wer heute um die Schule herumspaziert, findet nur noch wenige Spuren der Zeit vor 1943. Gäbe es das Haus Georg-Strobel-Straße 23 mit seiner spätklassizistischen Fassade nicht, man wähnte sich beinahe in einer Neubausiedlung der 1950er und 1960er Jahre. So steht die Berufsschule und ihr direktes Umfeld für die wohl drastischste Art und Weise des Wandels einer Stadt: Wo der Krieg alles vernichtet, muss alles neu entstehen. Und was die Aufbaugeneration geschaffen hat, ist heute auch schon wieder Geschichte.

Andere Vorher-Nachher-Bildfolgen von Stadtbild im Wandel

Schöner Wohnen am Park: Eine Häusergruppe in der Rosenau

Meisterwerk aus Beton: Der Tafelfeldtunnel

Blog abonnieren
'Nürnberg und so' Blogfeed abonnieren

Zusätzlich zu dem Podcast stellt 'Nürnberg und so' auch immer wieder begleitende Geschichten und Informationen aus der Metropolregion Nürnberg vor.

Blog-Artikel als RSS Feed abonnieren

Du willst nichts verpassen?
Anmeldung E-Mail Newsletter 'Nürnberg und so'

Anmeldung zum E-Mail Newsletter

Sätze für die Ewigkeit
Podcast Nürnberg und so
Die Segnungen des Internet.
Jan Hagemann in Sendung No. 23
Ich wollte nie auf die Bühne.
Michael Jakob in Sendung No. 27
Der Foodtruck ist mit Matula schon um die Ecke gezogen.
Klaus P. Wünsch in Sendung No. 30
Letzte Podcast Sendungen
Nürnberg und so

Jörg Korinek / Podcast-Sendung No. 32

Veröffentlicht am 05.05.2015

Den geborenen Göppinger lockte ein Praktikum in die Frankenmetropole. Dem Weg zum Informatik-Studium gingen einige bundesweite Schulaufenthalte voraus, bei denen er Orientierung gewann und diverse…

zur Sendung No. 32

Roland Rosenbauer / Podcast-Sendung No. 31

Veröffentlicht am 11.02.2015

Aus Cadolzburg kommend, finanzierte er sich mit dem "Ruf der Unendlichkeit" oder der "Rache des Knochenmannes" seine Schulzeit. Trotz BWL Studium landete er schließlich beim Jugendfunk des…

zur Sendung No. 31

Aktuelle Magazin-Artikel
Nürnberg und so

Schöner Wohnen am Park: Eine Häusergruppe in der Rosenau

Veröffentlicht am 17.09.2018

Um 1900 lebten an den Rändern des Rosenauparks die Reichen und Mächtigen. Viele ihrer prachtvollen Häuser gingen im Zweiten Weltkrieg unter. Für das Eckhaus Bleichstraße 2 indes wurde…

weiterlesen

NueJazz 2018: London Calling

Veröffentlicht am 16.09.2018

Das sechste NueJazz-Festival vom 9. bis 18.11. ist inspiriert durch die brodelnde britische Jazz-Landschaft. Auf dem Programm steht etwa das hypnotische Brass-Ensemble Sons of Kemet. Eigentlich…

weiterlesen

Verschwundenes Wahrzeichen: Das Schulhaus an der Nunnenbeckstraße

Veröffentlicht am 04.09.2018

Südlich des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums stand bis 1951 ein weiterer Großbau im Geiste des späten Jugendstils: die Städtische Handelsschule für Mädchen. Nur alte Fotografien erinnern…

weiterlesen

Meisterwerk aus Beton: Der Tafelfeldtunnel

Veröffentlicht am 20.08.2018

Die Aufdämmung der Gleise am Nürnberger Hauptbahnhof zwischen 1900 und 1906 bescherte Nürnberg neun herrliche Tunnelbauten im Geiste des Jugendstils, unter ihnen der Tafelfeldtunnel. Tunnel…

weiterlesen