Vielfalt aus Einheit: Die Straße Zum Felsenkeller in Buchenbühl

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Zum Felsenkeller

Noch alles einheitlich und malerisch: Die Straße Zum Felsenkeller anno 1920. Foto: © Verlag Zerreis & Co. (Sammlung Sebastian Gulden, cc)

Buchenbühl erging es wie den meisten Plansiedlungen der Zeit um 1920: Über die Jahre verliehen die Bewohner ihren Häusern eine individuelle Note. Trotzdem zeigt die Straße Zum Felsenkeller bis heute anschaulich, wie Buchenbühl einst aussah.

„Bezahlbarer Wohnraum“ ist kein Schlagwort unserer Zeit. Der Begriff ist, wenngleich in anderer Formulierung, mindestens so alt wie der soziale Wohnungsbau, den es schon im Mittelalter gab. Um 1900 bekam die Forderung nach menschenwürdigem, hygienischen und naturnahen Wohnen für alle Auftrieb durch die Gartenstadt-Bewegung und die überall neu gegründeten Wohnungsbaugenossenschaften. In der Arbeiterstadt Nürnberg sind die Zeugnisse des Siedlungsbaus besonders zahlreich.

Am nordöstlichen Rand der Großstadt nahe Ziegelstein ergriff ein Soldatenrat 1919 die Gelegenheit beim Schopf, eine neue Siedlung aus dem Boden zu stampfen. Dass es dafür keine Genehmigung gab und das Gelände eigentlich der Marktgemeinde Heroldsberg gehörte, spielte in der Not keine Rolle. Das sah denn auch die Obrigkeit ein und legalisierte die Landnahme der Soldaten und ihrer Familie im Nachhinein. Das extra gegründete Siedlungswerk Nürnberg, das noch heute besteht, übernahm Finanzierung und Organisation des Bauprojektes. 1922 kam das Gebiet dann zur Stadt Nürnberg.

In den 1920er Jahren entstanden in jener neuen, Buchenbühl genannten Siedlung zig Ein- und Mehrfamilienhäuser mit Gartenumgriff, wo die Bewohner Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbauen und Kleintiere halten konnten. Die für die Generalplanung verantwortlichen Architekten Ludwig Ruff und Jakob Schmeißner fertigten Entwürfe für verschiedene Haustypen, die straßenweise nebeneinander gebaut wurden. Eintönig wurde die Sache dadurch trotzdem nicht: Die Straßenführung, die Grünflächen zwischen den Häusern und nicht zuletzt die malerische Architektur, die mit verschiedenen Oberflächenformen und -farben spielte und typische Elemente des ländlichen Bauens aufgriff, sorgten für Abwechslung und dörfliches Flair.

Die Straße Zum Felsenkeller, 1920 und 2016 von der Einmündung Waldherrenstraße gegen Osten gesehen.

Die Straße Zum Felsenkeller, 1920 und 2016 von der Einmündung Waldherrenstraße gegen Osten gesehen. Fotos: © Verlag Zerreiss & Co. (1920, Sammlung Sebastian Gulden) – Boris Leuthold (2016, cc)

Die Häuser waren einfach, aber funktional und auf dem Stand der Technik. Die malerische Einheitlichkeit indessen war nur von kurzer Dauer, denn jeder Häuslebauer (die meisten waren gleichzeitig Eigentümer) „pimpte“ sein Zuhause nach und nach seinen persönlichen Vorlieben entsprechend. Das beschränkte sich meist nicht auf die Farbe des Anstrichs. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, als moderne Baustoffe für jederfrau und jedermann erschwinglich wurden, kam es zu diversen Umbauten – Hauserweiterungen, Ställe, Schuppen, Lauben, Garagen und neuerdings Carports –, die das Antlitz der Siedlungs nachhaltig veränderten.

Über solche Veränderungen ohne Generalplan mag man denken, was man will. Vielen Architekten und Denkmalpflegern dreht es den Magen um, wenn sie sich solchen mehr oder minder planvollen „Ergänzungen“ gegenübersehen. Ganz in der Nähe von Buchenbühl, im Loher Moos, schwelt seit Jahren ein Zwist zwischen Bewohnern, Stadt und Denkmalschutz über die Frage, wie viel Individualität eine als Ensemble geschützte Siedlung verträgt. Tatsache ist, dass ein Eigenheim zu gewisser Individualität berechtigt und diese auch sehr förderlich für die Lebensqualität sein kann. Tatsache ist aber auch, dass Individualität und Einfühlsamkeit in Kombination der Gesamtwirkung einer Siedlung eher zu Gute kommen als brachiales Herumbasteln mit billigen Baustoffen ohne Blick auf das große Ganze.

Das Doppelhaus Zum Felsenkeller 2-4, aufgenommen 1920 und 2016.

Das Doppelhaus Zum Felsenkeller 2-4, aufgenommen 1920 und 2016. Fotos: © Verlag Zerreiss & Co. (1920, Sammlung Sebastian Gulden) – Boris Leuthold (2016, cc)

Auch an der Straße Zum Felsenkeller in Buchenbühl sind die Veränderungen der letzten Jahrzehnte deutlich zu sehen. Die ursprüngliche Gestalt der Siedlung ist aber nach wie vor gut erkennbar, auch deshalb, weil viele Hauseigentümer Rücksicht aufeinander und auf das Alte genommen haben. In der Straße, deren östlichen Point-de-vue der Dorfplatz Am Paulusstein mit dem Uhrturm bildet, wurden ab 1919 zwei Haustypen errichtet: Doppelhäuser mit hohen Satteldächern und Giebeln zur Straße und traufständige Doppelhäuser mit Mansarddächern. Ruff und Schmeißner versahen alle Häuser mit hohen Kellersockeln aus Rotsandstein, die übrigen Mauern wurden verputzt und hell gestrichen. Als Farbtupfer erhielten die Eingänge Rahmungen aus Sandstein mit Reliefs, die in ihrer Schlichtheit dem dörflichen Charakter der Siedlung Rechnung trugen. Die Dachstühle waren von Anfang an ausgebaut und wurden durch Schleppgaubenbänder belichtet.

Knapp ein Jahrhundert nach ihrer Erbauung haben sich viele Häuser im Großen wie im Detail gewandelt. Manch ein Haus, etwa die Nr. 2-4, hat einen Anbau erhalten. Nicht selten hat man die Dächer – sie waren ursprünglich samt und sonders mit Biberschwänzen gedeckt – mit anderen Ziegeln (z. B. Frankfurter Pfannen) und in anderen Farben versehen. Haustüren wurden ausgetauscht, Fenster erneuert. Manch Fassade erhielt in den letzten Jahren eine Außendämmung, der leider hin und wieder die schönen Sandsteinrahmungen der Portale zum Opfer fielen. Insgesamt aber bietet die Straße Zum Felsenkeller noch heute ein anschauliches Bild, wie Buchenbühl aussah in jener entbehrungsreichen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als sich unerschrockene Siedler ein neues Leben draußen vor der Stadt aufbauten.

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