Oliver Tissot: Der Narr, der alles weiß

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Oliver Tissot

Der Nürnberger Wortakrobat Oliver Tissot suchte sich Stilberatung. Foto: © Peter Budig

Warum nicht einmal ein Treffen schildern, mit einem Co-Experten auf Augenhöhe? „Martina zieht an“ heißt die Reihe, die sonst stets Begegnungen beschreibt, einer Expertin für Psychologische Selbstinszenierung mit Menschen, in einer Beratungssituation: Was steht mir? Welche Farben passen zu mir? Welche Anforderungen an mein Auftreten stellt mein Beruf? Welche inneren Werte sind mir wichtig und wie spiegele ich sie im Außen? Das sind Fragen, die es in einem gemeinsamen, intensiven Prozess zu erarbeiten gilt.

Es kommt nicht selten vor, dass die Antworten beim Besucher der BodyBrand-Studios in Pödeldorf für Aha-Erlebnisse sorgen. Das Gespräch mit dem Nürnberger Comedian Oliver Tissot verlief dagegen ganz anders: Für den Wahlnürnberger mit österreichischem Pass sind Formen, Farben und ihre Wirkungen keine „böhmischen Dörfer“; eher schon „g’mahte Wiesn“.

Der Wortakrobat mit einem Doktortitel in Soziologie (seine Arbeit, natürlich übers Possenreißen: „Gewinnbringendes Lachen? Humor als Humanfaktor zur Erreichung von Unternehmenszielen“) hat zunächst ein Studium an der Hochschule für Design in Nürnberg als Grafik-Designer erfolgreich abgeschlossen – und in früheren Jahren als Werbegrafiker sein Geld verdient. Was Formen, Farben, Auftreten bewirken, das ist quasi sein Stammgeschäft.

Wo Tissot ist, ist Bühne

Krass und prägnant, auffallend, tabubrechend – so kann man Tissots Kostüme bei seinen professionellen Auftritten beschreiben. Gerne betritt er die Bühne – und wo Tissot ist, ist Bühne! – im klassischen Anzug. Das „klassisch“ bezieht sich allerdings nur auf den Schnitt; Farbe und Gestaltung setzen eigene Akzente.

Tissot kommt gerne schottisch-kariert, sträflings-gestreift oder gobelin-geblümt. Dazu trägt er wechselnde Kopfdeckungen (Narrenkappe, Krone, verschiedene Schiebermützen) – oft mit einfarbiger Fliege. Unterschiedliche Brillen von rundem Nickel zu dunklem Retrolook runden ein stimmiges Gesamtbild ab. Großen Erfolg hatte er mit seinem Dürer-Programm, angetan mit hippielangen Locken und Künstlergewand, ganz wie der junge, aufstrebende Renaissance-Maler vom Tiergärtnertorplatz.

Oliver Tissot bei der Fastnacht 2016.

Eine Pointe aus dem Dürer-Programm, Tissots (V)Erklärung für den Namen des Ortes, an dem heutzutage das Konklave abgehalten wird, italienisch „Cappella Sistina”: Dürer trifft auf seiner Romreise Michelangelo und will ihn auf eine besonders gelungene Gestaltung aufmerksam machen: „Sixt-di-Nische” habe er gedeutet – und so für immer die Sixtinische Kapelle gebrandet.

Ein gelungenes Selbstbranding konnte man wieder bei Tissots Auftritt bei „Fastnacht in Franken” im Januar beobachten. Anzug mit Dollarscheindruck, reich geschmückt mit falschen 100-Euro-Scheinen, die Tissot nach dem Schlussapplaus bündelweise ins politiker-durchsetzte Publikum warf.

So betrat er als erster Einzelredner des Narrenabends (Rekordquote im BR: 3,9 Millionen Zuschauer) das Podium. Schwarzes, Hemd, schwarze Melone, weiße Schuhe, die an Ganovengamaschen erinnerten, ein gelungener „Festvortrag” als vermeintlicher Geldexperte, der unter anderem den Korruptionsskandal der Fußball-WM in Deutschland kommentierte: „Dass man ein Sommermärchen nicht mit einem Zwanziger finanzieren kann, war doch klar”.

Schonungsloses Programm

Dass der Meister des verdrehten Wortes sich also inszenieren kann, damit hatte Martina Hunger gerechnet. Doch auch als Sparringspartner für Kleidungsfragen abseits der Bühne erwies sich Tissot als up-to-date. Grenzüberschreitung, Tabuverletzung, Risiko sind Merkmale des Tissot‘schen Humors. Ein Mann, der beruflich auf Firmenjubiläen geladen wird, um dem Publikum, also den Mitarbeitern, den eigenen Chef vorzuführen.

Oliver Tissot Farbe

Bei der Farbberatung. Foto: © Peter Budig

Schonungslosigkeit ist Programm: „Alle wollen immer die Früchte ihrer Arbeit ernten, aber keiner, dass einem was blüht“, spottet Tissot. So einer lässt sich auch privat nicht leicht beeindrucken – und schon gar keine Vorschriften machen.

Zum Lokaltermin in Pödeldorf erschien Tissot ganz in Schwarz: „Jeans, Shirt, Hoodie und Mütze. „Schwarz“, so doziert Martina Hunger ja gern, „ist keine Farbe“. Es mache blass, kränklich und mitnichten schlank, gehört zu ihren Merksätzen; sie empfiehlt stattdessen dunkles Blau oder Grau. Doch – kein Prinzip verträgt seine letzte Konsequenz – „ein Künstler wie Oliver Tissot hat ganz andere Freiheiten und kann das gut tragen“, räumt sie ein.

„Persönliche Freiheit ist der wahre Lohn meines beruflichen Erfolgs. Schwarz ist beinahe sowas meine ‚private Dienstfarbe‘, eine Unfarbe hinter der man als Person zurücktritt. Das schärft die Wahrnehmung, hilft offen fürs Außen zu sein“, antwortet er.

Keine Überraschung liefert die „Maskenwahl“: Ein weiteres Arbeitstool zur Persönlichkeits-Analyse, bei der man aus einer großen Zahl von Gesichtsmasken drei Favoriten wählt. Sherlock Holmes, Kleopatra, Albert Einstein liegen bald ohne viel Zögern vor Tissot auf dem Tisch. Die Übersetzung: Der Urvater der Detektive steht für akribisches Recherchieren, Auseinandertüfteln; die schöne Königin als die „Drama-Queen“, vulgo „Rampensau“; Einstein bedeutet die alles begleitende, jederzeitige Analyse.

Farbtest mit Gelbstich

Beim Farbtest ergibt sich eine signifikante Gelb-Priorität von 75 % (bei 10 Prozent Rot). Der Lüscher Farbtest gilt als einer der objektivsten Tests in Psychologie und Medizin. Martina Hungers schnelle Form beruht auf seinen Grundlagen. Der Gelbtyp will die Welt, seine Umgebung, sich, entdecken, aufnehmen, wandeln, zu (Auf-)Lösungen führen. Er ist Neuem zugewandt, erhofft sich von allem Wandel Besserung, Ergebnisse.

Gemessen wird nicht nur die Präferenz sondern auch die innere Übereinstimmung mit dem eigenem Typ: „Ich habe selten jemanden getroffen“, so Martina Hunger nach der Begegnung, „der so sehr in Übereinstimmung mit seinen inneren Werten, seiner Idee vom Leben agiert. Diese Harmonie findet sich dann auch im Außen wieder“. Auch seine Homepage, stark in Gold gehalten, gibt Aufschluss über den Selbst-Wert: „Tissot weiß, was er wert ist und leistet sich den Luxus, seinen Preis allein festzulegen“, mutmaßt Hunger.

Am Ende bleibt wenig Raum für stilistische Eingriffe durch die Expertin: „Tissot hat erreicht, was viele kaum beschreiben können, wie es aussehen könnte: er ist ein autonomer Mensch“.

Oliver Tissot BR

Oliver Tissot als „Geldexperte“ bei Fastnacht in Franken 2016. Foto: © Bayerischer Rundfunk/Kippelzwinger

Mehr über die Psychologie der Selbstinszenierung erfahrt ihr in unserem Themenschwerpunkt BodyBrand erfolgreich im Business Style wirken.

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