Warum Barrierefreiheit für Blinde und Sehende wichtig ist

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Accessibility Club 2014

Mission Barrierefreiheit: Marco Zehe, Wilhelm Lutzenberger, Joschi Kuphal und Kerstin Probiesch (v.l.n.r.) bei der zweiten Ausgabe des Accessibility Clubs im Schönen Saal des Nürnberger Rathauses. Foto: © Daniel Bendl / Nürnberg und so (cc)

„Das Problem ist, dass Entwickler und Entscheider fast keine Ahnung von dem Thema Barrierefreiheit haben“ war die Aussage von Joschi Kuphal als wir mit ihm Anfang September über seine Planungen zum Accessibility Club sprachen. Daran hat sich am gestrigen Tag ganz sicher einiges geändert. Denn mit der Veranstaltung im ‘Schönen Saal’ des Nürnberger Rathauses war nicht nur räumlich sondern vor allem inhaltlich einiges zum Thema Barrierfreiheit geboten.

Zunächst enttäuschte etwas die geringe Besucherzahl. Ob es der Uhrzeit und dem Wochenbeginn geschuldet war, mag ich nicht beurteilen. Was sich aber ganz sicher zeigte: Barrierfreiheit ist leider noch ein absolutes Nischenthema. Umso besser, dass jemand die Sache in die Hand genommen hat und mit Ehrgeiz sowie Überzeugung dem Thema mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Schöner Saal Rathaus Nürnberg

Imposanter Saal als Location für den Accessibility Club. Foto: © Daniel Bendl / Nürnberg und so (cc)

Marco Zehe begann mit einem Vortrag zu barrierefreien Online-Formularen und stellte gleich zu Beginn heraus, dass Barrierefreiheit so einfach ist. “Es sind Standards, die es bereits seit zehn oder 15 Jahren gibt. Man muss diese nur kennen und anwenden” meint der im Accessibility-Team von Mozilla arbeitende Hamburger. Mit Formularen im Internet sind wir alle wohl nahezu täglich konfrontiert. Bei Bestellungen im Online-Shop, dem Versenden einer Support-Anfrage beim Hersteller eines technischen Geräts oder einem Software-Anbieter aber auch bei der Kommunikation mit der Stadt um etwas zu beantragen sind Formulare wesentlicher Bestandteil der Prozesse.

Anhand einfacher Beispiele zeigte Marco Zehe den rund 20 Teilnehmern wie simpel sich Formulare aufbereiten lassen. Das Label – die Beschriftung eines Formularfeldes – sollte technisch immer mit dem zugehörigen Eingabefeld verknüpft sein. Was selbstverständlich klingt, wird in der Praxis leider viel zu wenig gelebt. Viel zu oft hingegen lassen Webentwickler und Agenturen das Thema Barrierfreiheit mit Blick auf die sehr kleine “Zielgruppe” der Blinden nicht die notwendige Aufmerksamkeit zukommen. Zumal es auf der völlig falschen Annahme beruht, dass nur Blinde einen barrierefreihen Zugang zum Internet benötigen. Außer Acht gelassen werden die Sehbehinderten (nicht jeder dessen Sehen nur eingeschränkt funktioniert ist blind) und die Menschen ab 60 Jahre. Letzterer Anteil wächst immer mehr. Ein Blick auf die Alterspyramide genügt. Um auf das Beispiel der Formularfeldbeschriftungen zurück zu kommen: Wurde bei der technischen Realisierung auf korrekte Semantik geachtet, kann auch ein im Umgang mit der Maus nicht so geübter Anwender auf das Label klicken und das zugehörige Formularfeld kann sofort ausgefüllt werden. Schaut man auf mobile Endgeräte oder allgemein auf per Fingergesten bedienbare Medien ist beim Berühren des Labels das selbe Ergebnis wie mit der Maus zu erzielen. An Barrierefreiheit führt also für uns alle irgendwann kein Weg vorbei. Spätestens im Alter werden wir uns daran erinnern.

Brille Simulation Sehbehinderung

Mit diversen Brillen ließen sich Seherkrankungen simulieren. Foto: © Daniel Bendl / Nürnberg und so (cc)

Marco Zehe nannte ein weiteres praxisbezogenes Beispiel wie sich Barrierefreiheit erreichen lässt. Hat man das Formular ausgefüllt und versucht es abzuschicken, ist folgende Meldung wohl jedem begegnet: “Die eingegebene E-Mail-Adresse ist nicht korrekt. Bitte korrigieren Sie die rot markierten Felder.” Sicher, es kann schon mal passieren, dass man sich vertippt. Aber warum wird man darauf nicht schon während der Eingabe hingewiesen? Und was ist mit den durchschnittlich acht Prozent der männlichen Bevölkerung, der unter einer Rot-Grün-Sehschwäche leidet? Könnten Fehleingaben nicht besser durch Fett-Markierung oder Unterstreichung kenntlich gemacht werden? Neben Farbigkeit und Schriftgrößen sowie deren Skalierbarkeit wurde beim Accessibility Club aber auch über Kontraste gesprochen. Das folgende Beispiel von Marco Zehe hat weder etwas mit Blinden, Sehbehinderten oder Alten zu tun: “Haben Sie schon mal mit einem Smartphone oder Tablet bei voller Sonneneinstrahlung gearbeitet?” richtete der Accessibility-Spezialist die Frage ans Publikum. “Hier zerfällt plötzlich das schönste Design in seine Einzelteile.” Mit diesem Beispiel gelang es ihm das Thema Barrierefreiheit als Anforderung für alle Nutzer zu formulieren. Mit einem guten Kontrast, wäre die Internetseite wohl auch bei sehr hellen Lichtquellen gut zu nutzen gewesen.

Auf das Thema Kontrast ging auch Kerstin Probiesch ein, die den zweiten Vortrag beim Accessibility Club hielt. 4,5 zu 1 sollten Designer und Webentwickler für ein gutes Kontrastverhältnis mindestens anpeilen. Nutzer von Windows-Computern können ja mal die Tastenkombination SHIFT+ALT+DRUCK drücken. Es müsste ein kurzes Piepsignal ertönen und der Windows High Contrast Mode (HCM) aktiviert sein. Bevor jetzt Beschwerden bei uns eingehen: Ja, uns ist bewusst, dass auch wir von ’Nürnberg und so’ hier Verbesserungspotential haben. Zum oben genannten Beispiel der direkten Sonneneinstrahlung und dem daraus folgenden Bedarf an guten Kontrastverhältnissen gibt es natürlich auch Menschen, für die das genaue Gegenteil gilt. Sie brauchen schwache Kontraste um Inhalte leichter erfassen zu können. Das zugehörige Krankheitsbild nennt sich Irlen-Syndrom. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich sicherlich bei den Veranstaltungen der “Woche des Sehens” näher informieren. Auch auf Skalierbarkeit und Tastaturbedienbarkeit ging Kerstin Probiesch, die freie Beraterin für Barrierefreiheit ist und Prüfgutachten anfertigt, ein. “Bei der Vielzahl an auf Barrierefreiheit angewiesenen Zielgruppen können Normierungen und Standards immer nur ein Kompromiss sein bei dem man nicht hundertprozent der Menschen erreichen kann” antwortete die Marburgerin auf die Frage nach einer der wesentlichen Erkenntnisse zur Barrierefreiheit.

Gespräch beim Accessibility Club

Blinde und Sehende hatten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Foto: © Daniel Bendl / Nürnberg und so (cc)

Nach den beiden Vorträgen wurden Computer, Monitore und Braillezeilen aufgebaut und in kleinen Gruppen war Zeit für Erfahrungsaustausch unter Webentwicklern und viel Erkenntnisgewinn im Gespräch mit den anwesenden Blinden und Sehbehinderten. Der Accessibility Club war nicht nur eine gute Ergänzung zur Nürnberg Web Week, sondern zugleich Programmpunkt zur Woche des Sehens. Der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) war im Schönen Saal vertreten und stand für Fragen zur Verfügung. Es bleibt der Wunsch diese Veranstaltungsreihe zu etablieren und schon bei der nächsten Ausgabe den Kreis der Interessenten etwas größer zu sehen. Meinem persönlichen Eindruck nach hat der Accessibility Club als Auftaktveranstaltung die Nürnberger Web Week würdig eröffnet.

Bilder vom Accessibility Club 2014 Nürnberg

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