Verputzt und zugenäht: Ein Mietshaus in der Adamstraße

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Adamstraße 26

Auf diese prunkvolle Fassade in der Adamstraße 26 blickt man gern – und auch gern hinaus! Foto: © unbekannt (1905/1922; Sammlung Boris Leuthold) (cc)

Bis in die 1920er Jahre waren Putzfassaden in Nürnberg selten. Sandstein und Sichtziegel prägten das Stadtbild. An vielen Häusern verdeckte man die offenliegenden Baumaterialien später mit Schichten aus Putz und Farbe – die Gründe dafür waren unterschiedlich.

Der nördliche Abschnitt der Adamstraße im Stadtteil Rennweg gehört zu jenen Nürnberger Straßenzügen, die noch ein anschauliches Bild davon abgeben, wie die Stadt um die vorletzte Jahrhundertwende aussah. Im südlichen Teil zwischen Fenitzerplatz und Sulzbacher Straße dagegen steht kaum ein Haus, an dem der Zweite Weltkrieg keine Wunden hinterlassen hat.

Putzpflaster für Kriegswunden

Unter den Neubauten der 1950er und 1960er Jahre findet der Aufmerksame manch Altbau, an dem man die Schäden des Bombenkrieges mit einer Putzschicht kaschiert hat. Um den Schmuck der Fassaden vom Steinmetz oder Maurer wiederherstellen zu lassen, fehlten den Hauseigentümern der Nachkriegszeit meist das Geld und auch der Sinn. Glatte Fassaden waren nun en vogue! Beschwafelt von übereifrigen Handwerkern und Vertretern der Baustoffindustrie versuchten nicht wenige aus ihrem Altbau ein Neubau zu machen – mit fragwürdigen Ergebnissen, wie man an der Adamstraße 15 sehen kann.

Das Haus Adamstraße 15, ein typisches Beispiel für eine kriegsbedingt vereinfachte und verputzte Altbaufassade.

Das Haus Adamstraße 15 – ein typisches Beispiel für eine kriegsbedingt vereinfachte und verputzte Altbaufassade. Foto: © Boris Leuthold (2013) (cc)

Das Haus mit der Nr. 26 hat es besser erwischt: Die prunkvolle Fassade zur Straße mit ihrem überreichen Schmuck im Stil des Neubarock mit Gesimsen, übergiebelten Fenstern und Gauben steht heute noch fast so da wie vor rund einem Jahrhundert. Erbaut wurde das Gebäude – wie eine Inschrift an einem der Fenster im zweiten Stock belegt – im Jahre 1889. Der festliche Schmuck war aber mehr Schein als Sein: Drinnen drängten sich zur Bauzeit pro Etage zwei Wohnungen, die Toiletten mussten sich die Mieterinnen und Mieter geschwisterlich teilen.

Als unser historisches Foto aufgenommen wurde, war der Inhaber des Kolonialwarenladens im Erdgeschoss, Adam Schönlein, schon ein Opa mit weißem Vollbart. 1922 gab er sein Geschäft auf, und es geschah das, was wir im Zeichen des Ladensterbens in unseren Tagen überall in Nürnberg sehen können: Aus seinem Geschäft wurde Wohnraum.

Das Haus Adamstraße 26, aufgenommen zwischen 1905 und 1922 und 2014.

Das Haus Adamstraße 26, 1905/1922 und 2014. Fotos: © unbekannt (1905/1922; Sammlung Boris Leuthold) — Boris Leuthold (2014) (cc)

Feinfühlige Bauherrn

Man ersetzte den Ladeneinbau durch zwei Zimmerfenster, und das mit verblüffendem Fingerspitzengefühl: Obwohl die Gestaltungsfreude des Neubarock um 1922 schon ziemlich „out“ war, gaben sich Steinmetz und Maurer die Mühe, das Rustika-Mauerwerk des Erdgeschosses nachzuahmen. Wer die Baupläne und das alte Foto nicht kennt, könnte glauben, der Laden habe nie existiert.

Man wünscht sich, die Hauseigentümer unserer Tage wären ähnlich feinfühlig wie jene damals in der Adamstraße 26. Wenn man bedenkt, dass viele die ungenutzten Schaufenster mit unverputzten Betonblocksteinen oder billigsten krachweißen Plastikfenstern aus dem Baumarkt verschließen, beschleicht einen das Gefühl, sie würden sich ihr Haus nie von außen ansehen.

Ein paar Federn musste aber auch die Adamstraße 26 lassen: Teile des aufwendigen Bauschmucks, etwa die Verdachungen und Keilsteine an einigen Fenstern oder der Kellersockel, wurden später abgeschlagen. Die Ziegelwände hat man irgendwann verputzt, die Sandsteinelemente mit weißer Farbe überstrichen. Schäden am Mauerwerk – wie bei dem oben gezeigten Haus Adamstraße 15 – oder persönlicher Geschmack mögen der Anlass dazu gewesen sein. Heute ist die Adamstraße 26 ein eingetragenes Baudenkmal, das von der Pracht historistischer Architektur, von der Lebenswelt der kleinen Leute um 1900 und von den Segnungen kunstsinniger Hausbesitzer erzählt.

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