Gruß von Berta und Sigmund: Die Zickstraße im Jahr 1910

Veröffentlicht am von
Zickstraße

Die Kinder von der Zickstraße und ein einsames Fahrrad, 1910. Foto: © Verlag August Unland, Magdeburg (cc)

Einfach, aber solide – das waren die meisten Wohnhäuser an der Bärenschanze vor rund 100 Jahren. Eine eindrucksvolle Fassade im Stil des Klassizismus oder der Renaissance gönnte man sich trotzdem.

Die prächtigen Mietspaläste an der Fürther Straße täuschen noch heute darüber hinweg, dass die Lebensumstände für die meisten Bewohner der Bärenschanze eher bescheiden waren. Wohnhäuser wie jene auf unserer historischen Aufnahme waren einst typisch für die Gegend. Sie waren zwei- oder dreigeschossig und besaßen meist Ziegelmauerwerk; nur die Gliederungs- und Dekorationsteile bestanden aus Sandstein. Hohe Mansarddächer nach französischem Vorbild, in denen sich zusätzlicher Wohnraum unterbringen ließ, schlossen die Häuser ab.

Die Häuser Zickstraße 4 und 2a, von links nach rechts, aufgenommen 1911 und 2016.

Die Häuser Zickstraße 4 und 2a (jetzt Nr. 2, von links nach rechts), 1910/2016. Fotos: © Verlag August Unland, Magdeburg (1910) – Sebastian Gulden (2016) (cc)

Architektonische Finessen brauchte man bei diesen Gebäuden weder gestalterisch noch funktional zu erwarten: Die Planer griffen auf eine Auswahl bewährter Grundrisse zurück und blendeten den Häusern dekorative Fassaden vor, die sie anhand von Vorlagen aus Architekturzeitschriften und Musterbüchern nach dem Baukastenprinzip zusammensetzten. Gerade die Häuser im Stil der Neorenaissance und des Klassizismus – wie die abgebildeten in der Zickstraße – waren Dutzendware. Ob sich ein solches Anwesen in Karlsruhe, Nürnberg oder Kiel befand, konnte man von außen bestenfalls anhand der verwendeten Baumaterialien erahnen. Noch heute sind die einfachen Mietshäuser der Gründerzeit in Nürnberg Legion und bestimmen das Bild ganzer Straßenzüge. Die gut erhaltenen Exemplare werden leider immer seltener, auch deshalb, weil nur wenige unter Denkmalschutz stehen.

Metallskulptur am Haus Zickstraße 2, 2016.

Metallskulptur am Haus Zickstraße 2, 2016. Foto: © Sebastian Gulden (cc)

Die Häuser Zickstraße 4 und 2a auf unserem historischen Bild errichtete der Bauunternehmer Simon Roth 1886 bis 1887. Planfertiger war Architekt Gottlieb Wilfert, dessen Büro in Gehweite in der Fürther Straße 55 lag. Die große Zahl kleiner Mädchen und Jungen, die vor dem Haus posieren, gibt einen Eindruck vom Mieterklientel: Es waren kinderreiche Familien von Arbeitern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, die hier lebten.

Die Gebäude waren trotz der schön proportionierten und solide ausgeführten Fassaden im Inneren einfach: Die Klosetts befanden sich auf halber Etage, und gebadet wurde einmal wöchentlich in einem Zuber oder gegen Gebühr im Volksbad am Plärrer. Das Haus Zickstraße 2a in der Bildmitte war schon etwas luxuriöser ausgestattet: Hier gab es immerhin in jeder Wohneinheit eine eigene Toilette.

Nachdem die Häuser im Bombenkrieg zerstört worden waren, wiederholte sich die Geschichte ein weiteres Mal: Architekt Hans Plaschke erbaute 1958 eine neue Zeile eher einfacher Mietshäuser auf den Ruinen und setzte gleich noch ein zusätzliches Stockwerk oben drauf. Immerhin gab es nun private Bäder und Toiletten, und sogar für Kunst am Bau war noch Geld übrig: Eine abstrakte Drahtskulptur lockert die Fassade zur Bärenschanzstraße auf, wo Architekt Wilfert beim Vorgängerbau einen Erker mit Welscher Haube hatte anbringen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass die Skulptur nicht – wie so viele andere – einer Wärmedämm-Maßnahme zum Opfer fällt.

Was das historische Bild noch erzählt

Schönschreibübungen anno 1911.

Schönschreibübungen anno 1911. Handschrift: © Berta und Sigmund Geiringer (cc)

Unsere Ansichtskarte von 1910 gibt uns einen kleinen Einblick in das Leben zweier Kinder aus der Zickstraße 2a: Sigmund (damals 10 Jahre) und seine Schwester Berta (9), Kinder des Etikettenherstellers Adolf Geiringer, schickten die Karte am 4. Januar 1911 an ihre Tante Pauline Rosenstein in Schwabach. Und sie teilten sich auch das Schreiben ganz geschwisterlich – wohl mit etwas Hilfe ihrer Mama Klara.

30 Jahre nach dieser Karte verschleppten die Nationalsozialisten Sigmund Geiringer wegen seines jüdischen Glaubens ins Arbeitslager Salaspils bei Riga, wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Das Schicksal von Berta verliert sich im Dunkeln. Als einem der wenigen Mitglieder ihrer weit verzweigten Familie gelang es Bertas und Sigmunds kleiner Schwester Rita (geboren 1905), sich rechtzeitig vor der Verfolgung nach Großbritannien abzusetzen, wo sie sich in Birmingham niederließ.

Andere Vorher-Nachher-Bildfolgen von Stadtbild im Wandel

Nobles Wohnen an der Wöhrder Wiese: Eine Villa in der Reindelstraße

„Hier ruhe, Künstlerfürst“: Dürers Grab auf dem Johannisfriedhof

Unten alt, oben neu: Wiederaufbau in der Wodanstraße

Blog abonnieren
'Nürnberg und so' Blogfeed abonnieren

Zusätzlich zu dem Podcast stellt 'Nürnberg und so' auch immer wieder begleitende Geschichten und Informationen aus der Metropolregion Nürnberg vor.

Blog-Artikel als RSS Feed abonnieren

Du willst nichts verpassen?
Anmeldung E-Mail Newsletter 'Nürnberg und so'

Anmeldung zum E-Mail Newsletter

Sätze für die Ewigkeit
Podcast Nürnberg und so
Schule ist wie ein kleines mittelständisches Unternehmen.
Markus Bölling in Sendung No. 19
Die Segnungen des Internet.
Jan Hagemann in Sendung No. 23
Man muss am Smartphone keinen Ölwechsel machen
Markus Wolf in Sendung No. 10
Letzte Podcast Sendungen
Nürnberg und so

Jörg Korinek / Podcast-Sendung No. 32

Veröffentlicht am 05.05.2015

Den geborenen Göppinger lockte ein Praktikum in die Frankenmetropole. Dem Weg zum Informatik-Studium gingen einige bundesweite Schulaufenthalte voraus, bei denen er Orientierung gewann und diverse…

zur Sendung No. 32

Roland Rosenbauer / Podcast-Sendung No. 31

Veröffentlicht am 11.02.2015

Aus Cadolzburg kommend, finanzierte er sich mit dem "Ruf der Unendlichkeit" oder der "Rache des Knochenmannes" seine Schulzeit. Trotz BWL Studium landete er schließlich beim Jugendfunk des…

zur Sendung No. 31

Aktuelle Magazin-Artikel
Nürnberg und so

Nobles Wohnen an der Wöhrder Wiese: Eine Villa in der Reindelstraße

Veröffentlicht am 17.04.2017

Die Marienvorstadt war Nürnbergs erste geplante Stadterweiterung seit dem Mittelalter. Ab 1860 trat sie an die Stelle der Gärten vor der Königstormauer. Um 1900 war das „In-Viertel“ bereits…

weiterlesen

Fränkisches Theater an einem ungewöhnlichen Ort

Veröffentlicht am 05.04.2017

Das Brauherrentheater entführt mit seinem spritzigen, kurzweiligen Stück „Hopfen. Hexen? Halleluja!“ ins mittelalterliche Nürnberg im Jahre 1515. Ja, der Franke und sein Bier – zwei…

weiterlesen

„Hier ruhe, Künstlerfürst“: Dürers Grab auf dem Johannisfriedhof

Veröffentlicht am 03.04.2017

Am kommenden Donnerstag vor 489 Jahren starb Nürnbergs berühmtester Sohn, der Maler Albrecht Dürer. Sein Grab auf dem Johannisfriedhof ist bis heute erhalten und zieht Einheimische, Kunstliebhaber…

weiterlesen

Unten alt, oben neu: Wiederaufbau in der Wodanstraße

Veröffentlicht am 20.03.2017

Die Wodanstraße gehört mit ihren prachtvollen Mietshäusern der Jahrhundertwende zu den schönsten Straßen im Süden Nürnbergs. Ein paar Kriegswunden gab es aber auch hier, und manchmal wurden…

weiterlesen