Der Journalismus ist am Ende – lasst uns endlich Geld verdienen

Veröffentlicht am von
Euro Disney Land

Raus aus der Komfortzone, wie im Journalismus wieder Geld verdient werden kann oder ist das überhaupt nicht das Ziel? Geht es vielleicht um etwas ganz anderes?. Foto: © Ismail Mia / flickr.com (cc)

Schon ein sehr provokanter Titel, mit dem ich hier aufmache. Aber die zahlreichen Ereignisse der letzten Monate und Jahre mit Nürnberg und so haben mich zu dieser Erkenntnis gebracht. Im Kern geht es bei allen, die online publizieren um Aufmerksamkeit.

Es geht um Aufmerksamkeit, die für Themen arbeitet und Produkten sowie Menschen eine Öffentlichkeit bietet. Ein Flugzeug stürzt über den französischen Alpen ab und verursachte mehr als nur eine Katastrophe bei den Hinterbliebenen und dem Lufthansa Konzern. Es verursachte darüber hinaus eine Katastrophe im Journalismus oder wie man das auch immer nennen mag, wenn ungeachtet jeder Moral jedem Informationsfetzen der nur irgendwie verfügbar ist nachgerannt wird. Da musste alles herhalten, von Facebook-Kommentaren über Twitter bis Trauerbekundungen in den guten alten Regionalzeitungen.

Werbung im Alltag

Nimmt Werbung schon jetzt zu viel Raum ein oder gewöhnen wir uns daran? Foto: © mini malist / flickr.com (cc)

Bezogen auf das Geschäftsleben würde man von „reagieren“ statt „agieren“ sprechen und wenn eine Abteilung erst an diesem Punkt angekommen ist, stellt die Geschäftsführung recht schnell die Frage: „Was machen die überhaupt?“. Der Journalismus reagiert nur noch, er setzt keine Akzente mehr und auch sonst sind es eher Branchenfremde, die mit Ideen überzeugen können und die Leser auf ihre Seite ziehen.

Ein großes Problem der etablierten Print- und Onlinemedien ist die starre Verknüpfung mit dem Anzeigenverkauf. Wer heute mit internen PR-Abteilungen von großen Unternehmen spricht, der bekommt schnell die Antwort, dass ein Bericht nur noch dann veröffentlicht wird, wenn auch parallel dazu eine Anzeige geschaltet wird, quasi ein indirektes Advertorial, das aber als solches von außen nicht zu erkennen ist. Warum diese Haltung? Weil die Medien ohnmächtig vor einer gravierenden Veränderung stehen, die mit den altbekannten Methoden nicht mehr zu lösen ist. Eigentlich sind es doch die Unternehmen, die die Multiplikatoren benötigen und Aufmerksamkeit beanspruchen. Sie sind es jedoch nicht gewohnt, dafür zu bezahlen. Klappte früher noch die Quersubventionierung per Anzeigengeschäft, so ist es heute nur noch wenigen vergönnt, den Aufwand für gute Inhalte durch Werbung zu refinanzieren.

Werbung in Bushaltestation

Diese erfolgreiche Kampagne für ABSOLUT rückte die Orte stark in den Context und nutzte die Themen für eine Umgestaltung der Bushaltestationen in Chicago. Foto: © clarkmaxwell / flickr.com (cc)

Einerseits ist Inhalt allgegenwärtig und somit nichts mehr wert, andererseits hat sich die Wertschöpfungskette gedreht. Früher waren es die Konsumenten, die für mediale Inhalt zahlten, heute sind viele kostenlos erhältlich. Beschleunigt wurde dieser Trend durch mobile Apps. Waren es vor einigen Jahren noch die kostenpflichtigen Apps, die den meisten Umsatz brachten, sind es heute die kostenlosen Anwendungen, die mit Mehrwerten Kunden ködern. Die App an sich ist nicht mehr viel wert, nur noch die Menge der Nutzer und die darin angebotenen kostenpflichtigen Dienste zählen.

Für den Journalismus bedeutet dies, dass die Zeiten, in denen der Nutzer für die Bereitstellung von Inhalten bezahlte, vorbei sind. Höchstens ein Medienbruch (z.B. Print, Video, Audio oder veranstaltete Events) können noch Gewinne abwerfen, die Artikel selbst aber nicht mehr. In diesen Zeiten heißt es von den Silicon Yalley Startups lernen und eigene Mehrwerte kreieren. Mehrwerte, die ganz unterschiedlich aussehen können. Einige Verlage oder Medienhäuser machen sich in das digitale Zeitalter auf und kaufen oder beteiligen sich an einem Startup. Sie werben dann für diese Produkte oder Dienstleistungen auf den eigenen Kanälen und testen somit, welches Startup Erfolg hat. Die Gewinne stellen dich dann indirekt ein. Voraussetzung dafür ist aber immer die Reichweite des Medienhauses, also des Multiplikators selbst.

„Alle haben gesagt ‘Es geht nicht’ bis einer kam, der das nicht wusste und es einfach machte.“
trust is king

Aber was ist Vertrauen und Glaubwürdigkeit in Zeiten permanenter Berieselung? Und wer ist denn dann Queen?. Foto: © David Goehring / flickr.com (cc)

Die Aufmerksamkeit ist das höchste Gut. Um etwas verkaufen zu können, müssen die Leute zuhören. Wer kann diese Aufmerksamkeit besser erreichen als die etablierten Medien? Wo liegt also das Problem? Das Problem sind Veränderungen, die mit der Umkehrung der Wertschöpfungskette einhergehen. Ist im Pressekodex fest verankert, dass Werbung und redaktioneller Inhalt strikt getrennt werden müssen, funktioniert dieses Prinzip bei der Umkehrung nicht mehr. Unternehmen – die Profiteure der Reichweite und Multiplikation – zahlen für diese Dienstleistung. Medienhäuser und Verlage müssen Dienstleister für ihre Kunden werden und können dann durch eine gute Abstimmung aus Inhalt und Werbung ihre Leser begeistern.

Wer jetzt aufgeschreckt ist und mir Blasphemie unterstellt, dem sei gesagt, dass es heute bereits häufig so läuft, es traut sich nur keiner das offen auszusprechen. Erfolgreiche Produkte, egal ob von Verlagen oder Medienhäusern, funktionieren häufig nur noch so. Da wird für einen Artikel bezahlt, der dann ganz normal veröffentlicht wird – ohne Kennzeichnungen wie “Dies ist ein gesponsorter Beitrag” etc. TV-Sendungen getarnt als Wissens- oder Boulevard-Magazine stellen tolle neue Errungenschaften vor – ohne „Dauerwerbesendung“ rechts oben. Ist das schlimm? NEIN, denn diese Inhalte sind nicht plump verpackt oder bestehen nur aus Werbebotschaften, nein, sie erzeugen beim Leser und Zuschauer einen Mehrwert in Form von Information und Erfahrungswerten und genau darauf kommt es an. Nicht umsonst sind „Hands-on“ und „Unboxing“ Videos mittlerweile die beliebtesten Formate bei neuen Produktvorstellungen.

Die Wissensgesellschaft hat die Inhalte überall verfügbar gemacht. Inhalte sind meist nur einen Klick weit entfernt. Jetzt beginnt die Phase der Mehrwerte für den Kunden. Alte Refinanzierungsmodelle funktionieren nicht mehr. Daher braucht es neue Ansätze, die Lösungen bringen. Die Umkehrung der Wertschöpfungskette lässt nicht mehr den Leser oder Zuschauer bezahlen, sondern den eigentlichen Nutznießer der Aufmerksamkeit: die Unternehmen.

Weiterführende Artikel zu diesem Thema:

PR

Ist PR die Lösung? NEIN! Ihr fehlt ganz klar die eigene Meinung. Foto: © Niuton may / flickr.com (cc)

Blog abonnieren
'Nürnberg und so' Blogfeed abonnieren

Zusätzlich zu dem Podcast stellt 'Nürnberg und so' auch immer wieder begleitende Geschichten und Informationen aus der Metropolregion Nürnberg vor.

Blog-Artikel als RSS Feed abonnieren

Du willst nichts verpassen?
Anmeldung E-Mail Newsletter 'Nürnberg und so'

Anmeldung zum E-Mail Newsletter

Sätze für die Ewigkeit
Podcast Nürnberg und so
Wir sind nicht Deutschland-sucht-den-Superdichter.
Michael Jakob in Sendung No. 27
Luft schmeckt meiner Meinung nach nicht so.
Christian Ullrich in Sendung No. 26
Es gibt einen Unterschied zwischen Können und Wollen.
Dag Encke in Sendung No. 18
Letzte Podcast Sendungen
Nürnberg und so

Jörg Korinek / Podcast-Sendung No. 32

Veröffentlicht am 05.05.2015

Den geborenen Göppinger lockte ein Praktikum in die Frankenmetropole. Dem Weg zum Informatik-Studium gingen einige bundesweite Schulaufenthalte voraus, bei denen er Orientierung gewann und diverse…

zur Sendung No. 32

Roland Rosenbauer / Podcast-Sendung No. 31

Veröffentlicht am 11.02.2015

Aus Cadolzburg kommend, finanzierte er sich mit dem "Ruf der Unendlichkeit" oder der "Rache des Knochenmannes" seine Schulzeit. Trotz BWL Studium landete er schließlich beim Jugendfunk des…

zur Sendung No. 31

Aktuelle Magazin-Artikel
Nürnberg und so

Ödnis statt Palast: Der Beginn der Regensburger Straße

Veröffentlicht am 22.08.2016

Wer heute vom Marientunnel in die Regensburger Straße einbiegt, blickt auf den staubigen Fuhrpark eines Autohandels. Wohl niemand ahnt, dass hier einst ein Palast stand. Na gut, „Palast“ mag…

weiterlesen

Morgentrunk für Hartgesottene: Beim Lutz traf man sich um sechs zum Frühschoppen

Veröffentlicht am 08.08.2016

Mal ehrlich: Würden Sie sich morgens um halb sechs zu Fuß auf den Weg von der Altstadt nach Großreuth hinter der Veste machen? Die Mitglieder der Großreuther Morgengesellschaft jedenfalls taten…

weiterlesen

Das Festival Wolke 7 feierte sein fünftes Jubiläum

Veröffentlicht am 05.08.2016

Nicht einmal 24 Stunden nach dem Amoklauf von München mit zehn Toten hieß es für mich: Auf zu Wolke Sieben - einem Musikfestival, auf welches ich mich schon lange gefreut hatte. Am Freitagabend…

weiterlesen

Willkommen bei Bevaulin: Die vergessene Tanke an der Bucher Straße

Veröffentlicht am 01.08.2016

Tanken am Straßenrand mit Bedienung vom Tankwart – vor rund 80 Jahren war das an der Kreuzung Bucher und Rieterstraße in Nürnberg noch möglich. Das Tankwärterhäuschen und seine imposante…

weiterlesen