Wie ein Turm: Ein Eckhaus an der Äußeren Sulzbacher Straße

Veröffentlicht am von und Sebastian Gulden
Fichtestraße 23

Üppig begrünte Fensterbänke und ernste Gesichter am Haus Fichtestraße 23 im Jahr 1912. Foto: © anonym (cc)

Für viele ist die Äußere Sulzbacher Straße vor allem Verkehrsweg und Staufalle. Dass ihre Ränder mit architektonischen Schätzen aufwarten, bemerken die wenigsten. Zu diesen Schätzen gehört das turmartige Eckhaus Fichtestraße 23 von 1899.

Gemessen an ihrer Länge weist die Äußere Sulzbacher Straße heute nur noch wenige historische Gebäude auf. Das hat nicht zuletzt mit den enormen Schäden zu tun, die die Bomben des Zweiten Weltkrieges in den Stadtteilen zu beiden Seiten der Ausfallstraße – den Gärten bei Wöhrd, Schoppershof, Veilhof und Sankt Jobst – hinterlassen haben.

Einige der schönen Mietshäuser haben sich bis in unsere Tage hinübergerettet. Allein ihre Höhe von bis zu fünf Vollgeschossen vermittelt uns Heutigen einen Eindruck davon, dass hier vor über 100 Jahren großstädtisch geplant und gebaut wurde. Einheitlich war die Bebauung aber nie. Kleine und große, hohe und niedrige, schmale und breite Gebäude wechselten einander ab und ergaben ein malerisches Bild, das sich noch an manchem Straßenabschnitt erahnen lässt.

Das Eckhaus Fichtestraße 23, aufgenommen 1912 und 2017.

Das Eckhaus Fichtestraße 23, aufgenommen 1912 und 2017. Fotos: © anonym (1912) – Boris Leuthold (2017) (cc)

Zum Beispiel an der Kreuzung mit der Fichtestraße in Schoppershof: Seit dem Jahre 1899 ragt dort ein gewaltiges Sandsteinhaus auf, das mit seiner schlanken Kubatur, seinen fünf Vollgeschossen und geschweiften Giebeln am Dach fast schon wie ein mittelalterlicher Wohnturm wirkt. Typisch fränkischer Sandstein und die Formen der seinerzeit international beliebten Neorenaissance gehen hier eine harmonische Verbindung ein.

Im Inneren des Hauses fanden zur Zeit seiner Fertigstellung pro Etage zwei bis drei Wohnungen Platz. Im Erdgeschoss eröffnete Wirt Thomas Münch das Restaurant „Sulzbacher Hof“. Die Bezeichnung wirkt beinahe wie ein heimliches Aufbegehren gegen den Nürnberger Stadtrat: Als die Schoppershofer 1901 erbaten, dass das als abwertend empfundene „Äußere“ aus „ihrem“ Teil der Sulzbacher Straße gestrichen werde, wurden sie von den Stadtoberen brüsk abgewiesen. Benannt hat man die Sulzbacher und die Äußere Sulzbacher Straße übrigens nach ihrem Fernziel, der früheren pfälzischen Residenzstadt Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg).

Jakob Knauß, der Thomas Münch als Wirt nachfolgte, ließ 1912 unsere historische Fotografie anfertigen, auf der er selbst mit seinen Gästen und anderen Bewohnern des Hauses aus den Fenstern lugt. Drinnen hinter den großen Bogenfenstern im Erdgeschoss ging’s bei frisch gezapftem Zeltner-Bier und Begleitmusik aus dem Grammophon – der Betrieb eines solchen war zur Kaiserzeit noch meldepflichtig! – recht gemütlich zu.

Diese Bronzetafel am Eingang zur Fichtestraße erinnert an die Geschichte des Hauses und ihrer Bewohner.

Diese Bronzetafel am Eingang zur Fichtestraße erinnert an die Geschichte des Hauses und ihrer Bewohner. Foto: © Boris Leuthold (cc)

Äußerlich hat sich am Haus Fichtestraße 23 wenig geändert; allein die leicht vereinfachten Giebel künden noch von den Verheerungen des Weltkrieges. Die Rundbogenfenster im Erdgeschoss hat man später zu rechteckigen Maueröffnungen umgestaltet. Und auch das alte Grammophon ist verstummt; heute geben sich hier die Fans des Clubs dem Genuss von Bier und (hoffentlich großem) Fußball hin.

Eine Bronzetafel, die bei der Renovierung 1989 an der Fassade angebracht wurde, belegt, dass dieses Haus im Besitz von Menschen ist, die die Geschichte und die städtebauliche Bedeutung des Gebäudes zu schätzen wissen. Die Inschrift lautet denn auch verheißungsvoll: „Neunzig Jahr steht dieses Haus / Viele gingen ein und aus / Soll noch lange Zeit hier stehn / Lauter frohe Menschen sehn“.

Andere Vorher-Nachher-Bildfolgen von Stadtbild im Wandel

Pracht über der Pegnitz: Mietspaläste an der Hochstraße

Heimat der Miniaturwelten: Das frühere Fleischmann-Areal in St. Johannis

Altfränkische Gemütlichkeit: Die Waldschänke im Tiergarten

Blog abonnieren
'Nürnberg und so' Blogfeed abonnieren

Zusätzlich zu dem Podcast stellt 'Nürnberg und so' auch immer wieder begleitende Geschichten und Informationen aus der Metropolregion Nürnberg vor.

Blog-Artikel als RSS Feed abonnieren

Du willst nichts verpassen?
Anmeldung E-Mail Newsletter 'Nürnberg und so'

Anmeldung zum E-Mail Newsletter

Sätze für die Ewigkeit
Podcast Nürnberg und so
Mütter holt eure dicken Kinder vom Computer weg! Raus mit denen! Ingress spielen!
Daniel Bendl in Sendung No. 10
Wo auf dem Kreuzfahrtschiff schläft eigentlich die Crew?
Daniel Bendl in Sendung No. 11
Der Foodtruck ist mit Matula schon um die Ecke gezogen.
Klaus P. Wünsch in Sendung No. 30
Letzte Podcast Sendungen
Nürnberg und so

Jörg Korinek / Podcast-Sendung No. 32

Veröffentlicht am 05.05.2015

Den geborenen Göppinger lockte ein Praktikum in die Frankenmetropole. Dem Weg zum Informatik-Studium gingen einige bundesweite Schulaufenthalte voraus, bei denen er Orientierung gewann und diverse…

zur Sendung No. 32

Roland Rosenbauer / Podcast-Sendung No. 31

Veröffentlicht am 11.02.2015

Aus Cadolzburg kommend, finanzierte er sich mit dem "Ruf der Unendlichkeit" oder der "Rache des Knochenmannes" seine Schulzeit. Trotz BWL Studium landete er schließlich beim Jugendfunk des…

zur Sendung No. 31

Aktuelle Magazin-Artikel
Nürnberg und so

Pracht über der Pegnitz: Mietspaläste an der Hochstraße

Veröffentlicht am 14.05.2018

Um 1900 war die Hochstraße über der Pegnitz ein „In-Viertel“ für jene, die Geschmack und Geld besaßen. Noch heute zeugen prächtige Mietspaläste vom Repräsentationswillen der Fabrikanten,…

weiterlesen

Heimat der Miniaturwelten: Das frühere Fleischmann-Areal in St. Johannis

Veröffentlicht am 30.04.2018

Seit über 400 Jahren gilt Nürnberg als Hochburg der Spielwarenfertigung. Als im 19. Jahrhundert Modellschiffe und -eisenbahnen die Kinderzimmer eroberten, waren Nürnberger Produzenten ganz vorn…

weiterlesen

Altfränkische Gemütlichkeit: Die Waldschänke im Tiergarten

Veröffentlicht am 16.04.2018

Jetzt bricht sie wieder an, die Zeit, in der es Jung und Alt in die Tierparks zieht. Zeit für „Stadtbild im Wandel“, uns zur „Waldschänke“ im Nürnberger Tiergarten zu begeben und ihrer…

weiterlesen

Jugendstil am Eck: Das Haus Kobergerplatz 4

Veröffentlicht am 02.04.2018

Als Verkehrsknoten geplant, ist der Kobergerplatz heute ein fast schon idyllischer Stadtteilpark mit Wochenmarkt und Spielplatz. Großstädtisch sind die Häuser an seiner Südseite, die vom…

weiterlesen