Bleiweiß: „Was g’sund is, des hoaßt ma saniert“

Veröffentlicht am von und Sebastian Gulden
Schützenstraße 7

Tapeziermeister Alfred Möller mit Mitarbeitern vor seinem Geschäft in der Schützenstraße 7, 1905/1908. Foto: © anonym (cc)

Einst prägten die kleinen, aber feinen Häuser von Handwerkern und Arbeitern das Bleiweißviertel im Nürnberger Süden. Die Flächensanierung hat das Antlitz des Stadtteils seit 1979 radikal verändert.

Flächensanierungen sind so eine Sache: Manchmal, da mag es notwendig sein, einen Stadtteil durch tiefschürfende Maßnahmen vor Verfall und Verslummung zu bewahren. Ob es dazu jedoch zwingend nötig ist, über die Hälfte der historischen Bausubstanz abzureißen, sei dahingestellt. In Bleiweiß ist genau das passiert, als die Stadt Nürnberg das Viertel 1979 bis 1990 „generalüberholte“.

Unter die Räder kamen dabei überwiegend Häuser wie jenes in der Schützenstraße 7 auf unserem historischen Foto. Geplant und gebaut hat es Georg Fleischmann, Inhaber eines bautechnischen Büros, irgendwann zwischen 1885 und 1899. Damals gehörte Bleiweiß noch zur selbständigen Gemeinde Gleißhammer, und das Haus trug die Anschrift „Bleiweiß Nr. 133“. 1903, als Bleiweiß und Gleißhammer bereits nach Nürnberg eingemeindet waren, eröffnete Alfred Möller im Erdgeschoss des Anwesens sein Tapeziergeschäft, das er 1904 um eine Möbelhandlung erweiterte. Die Möllers waren, obschon in einer einfachen Wohngegend beheimatet, auf dem neuesten Stand der Technik und besaßen im Gegensatz zu den meisten ihrer Mitbürger bereits einen eigenen Fernsprecher.

Das Haus Schützenstraße 7, aufgenommen zwischen 1905 und 1908 und 2017.

Das Haus Schützenstraße 7, 1905/1908 und 2017. Fotos: © anonym (1905/1908) – Boris Leuthold (2017) (cc)

Die zweigeschossigen Häuschen mit Mansarddach waren einst prägend für das Kleine-Leute-Viertel Bleiweiß, in dem überwiegend Handwerker, Arbeiter und kleine Kaufleute lebten. Die Möllers teilten sich ihr Vor- und Hinterhaus unter anderem mit dem Tierdarmhändler Benedikt Dietz und dem Taglöhner Johann Kimmerl. In der Mansarde wohnten 1907 der Steinmetz De Mio und der Maler Lorey.

Die Fassade unseres Hauses ist denkbar schlicht gehalten und – für Nürnberg untypisch – fast komplett verputzt. Witziges Detail: Die dekorativen Rahmungen der Fenster im Obergeschoss sind ebenso wie die Ladentafel nur aufgemalt – quasi eine fränkische Version der alpenländischen „Lüftlmalerei“. Gut möglich, das Ladeninhaber Alfred Möller, der auch seine Dienste als „Decorateur“ anpries, die Malereien selbst geschaffen hat. Solche Malereien oder Kratzputzdekorationen (Sgraffiti) gab es einst öfter in der Nürnberger Häuserlandschaft. Sie waren erheblich günstiger und schneller auszuführen als Bildhauerarbeiten. Leider aber waren sie auch vergänglicher. Heute gibt es fast keine einzige Fassade mehr, an der die historischen Malereien oder Putzarbeiten komplett erhalten sind.

Blick in die Schützenstraße nach Osten zur Grenzstraße, 2017.

Blick in die Schützenstraße nach Osten zur Grenzstraße, 2017. Foto: © Boris Leuthold (cc)

Das Ende für das Haus der Möllers kam 1979: Damals wurde die gesamte Häuserzeile auf der Nordseite der Schützenstraße „wegen ihrer unbrauchbaren Bausubstanz“ – so der Leiter des Amtes für Wohnungsbauwesen – dem Erdboden gleichgemacht. Auch das Haus Grenzstraße 8, das man auf dem alten Bild rechts im Hintergrund erkennen kann, musste fallen. Anstelle der alten Mansarddachhäuser traten vielgeschossige Gebäude, die in ihren Ausmaßen und ihrer Gestaltung nicht mehr viel mit dem bodenständigen Bleiweiß von einst zu tun haben. Gleichwohl muss man der Sanierung einige Qualitäten zugestehen: Die neu geschaffenen Straßenzüge und Plätze besitzen durchaus Aufenthaltsqualität und – im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der Südstadt – viel Grün. Bei der Gestaltung der Häuser bemühten sich die Architekten um abwechslungsreiche Fassaden und interessante Blickachsen. Allein, man fragt sich, ob ein Nebeneinander von Alt und Neu nicht die bessere Lösung gewesen wäre.

Ein kleiner Trost für den Nürnberger Lokalpatriotismus: Auch in anderen bayerischen Städten zerstörten Flächensanierungen ganze Stadtquartiere. Ab 1968 machte das vom Krieg weitgehend verschonte Fürth sein malerisches Gänsbergviertel für Neubauten platt. In den Münchener Stadtteilen Haidhausen, Giesing und der Au riss man rücksichtslos Hunderte von Kleinhäusern ab, die heute auf dem Mietmarkt heißbegehrt wären. Der Kabarettist Gerhard Polt traf 1981 den Nagel auf den Kopf, als er den übereifrigen Bauherrn und Stadtplanern in gewohnt bissiger Art das „Saniererlied“ auf den Leib schneiderte: „Was g’sund is, des hoaßt ma saniert / Aber g’sund is nur, was sie rentiert […] Am End rentiert si’s ganze Leb’n net / na werd’s aber Zeit, daß d’ ganze Menschheit geht.“ Wenn wir so weitermachen, schaffen wir Menschen das gewiss auch noch, aber das ist eine andere Geschichte.

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